Auf höchstem Niveau populär

Caspar Richter im MUSICALCLUB-Gespräch

Caspar Richter

Caspar Richter

Bevor Caspar Richter einen wohlverdienten Kuraufenthalt antrat, sprach er mit uns über MOZART!, und das Genre Musical im allgemeinen.

zu MOZART!
Die Arbeit an MOZART! war eine sehr aufregende Sache, auch wenn das Thema gefährlich ist. Aber wenn man mit Impetus, Engagement, künstlerischem Willen und auch Überzeugungskraft herangeht, dann ist es eigentlich egal, was man tut. Ein Musical über einen Komponisten, Musik über Musik zu schreiben, in dem Sinn gab es so etwas noch nicht. Vor allem auch die menschliche Seite Mozarts herauszuheben, dessen Leben von der Musik unglaublich geprägt war, der darin und dadurch gelebt hat, das kommt in dem Stück sehr gut vor. Plötzlich beschäftigt man sich mit diesem Phänomen sehr genau, man beschäftigt sich auch mit österreichischer Geschichte, das war bei ELISABETH schon so.
Das ist beim Musical gut, gerade was wir bei den Uraufführungen machen, dass da was bewegt wird und trotzdem auf einer Ebene, die jeder verstehen kann, nicht zu abgehoben, nicht zu intellektuell, auch musikalisch nicht zu versponnen, das niemand es hören will. Es hat einen sehr hohen künstlerischen Wert und ist trotzdem populär. Das ist das einzigartige am Musical und auch die große Verantwortung, sehr populär zu sein und trotzdem ein hohes Niveau zu haben, da haben wir in Mozart ja das beste Vorbild.

zur Probenarbeit
Bei den Proben wird im Verein mit dem Regisseur noch sehr viel geändert. Prof. Kupfer ist ein sehr erfahrener Regisseur, der dann sagen kann, könnte man das nicht noch ein wenig umschreiben, ich brauche den Charakter mehr in der Richtung, dieses muss aggressiver sein und jenes muss lyrischer sein. Das Stück, so wie es rauskam, war dann nicht so, wie wir es ursprünglich hatten. Bei den Proben arbeitet man auch erstmals mit den Stimmen und bemerkt, das liegt dem nicht so, da wechsle ich ein bisschen die Tonart und die Lage, das muss man den Darstellern anpassen, man will sie ja nicht vergewaltigen. Es ist auch wichtig und interessant, dass weiter daran gearbeitet wird, wenn es läuft, da aufgrund der Erfahrung das Stück dann noch verbessert wird. Das war ja bei ELISABETH damals auch, im zweiten Jahr haben wir ganze Teile verändert, manches hineingenommen, ganze Teile hinausgeworfen. Ich finde es gut, wenn ein Stück in progress bleibt.

zur MOZART!-CD
Am 7. Oktober haben wir angefangen die CD einzuspielen, da sind wir ins Rosenhügel-Studio gegangen, für meine Begriffe der beste Konzertsaal in Wien. Ein Riesensaal mit der besten Akustik, die es überhaupt gibt. Anfangs ging es darum, das Orchester aufzunehmen, als playback. Die Rhythmusgruppe ist dabei abgeteilt, weil die sonst alles ,zuballern’ würden, der klassische Apparat saß im großen Saal. Das ganze Orchester war stark vergrößert, es waren fast 60 Leute, im Orchestergraben sind wir nur 28. Das hat ungefähr fünf Tage gedauert, es lief sehr gut, sehr schnell und zügig, es war aber auch sehr anstrengend, wir saßen jeden Tag auch Samstag, Sonntag von 10 bis 17 Uhr im Studio. Drei Tage darauf war dann das große Ensemble im Studio, die haben auf das bereits vorhandene Orchester im playback gesungen. Das läuft so ab, dass der Dirigent auf Video aufgenommen wird, synchron mit der Musik, die Sänger hören das und sehen wie es dirigiert wurde, das dauerte drei Tage. Dann folgt die sensibelste Arbeit, jene mit den Solisten. Die menschliche Stimme ist unberechenbar, sie ist ein Teil des Körpers und daher sehr vom Zustand des Körpers abhängig. Wenn man sich nicht wohlfühlt, Sorgen und Stress hat, wirkt sich das alles auf die Stimme aus. Bei den Aufnahmen muss man aber gefühlsmäßig und körperlich das beste bieten können, damit es toll wird. Abends noch die Vorstellung spielen war schon eine sehr starke Belastung, das haben alle bravourös geschafft.
Da wir uns alle sehr gut verstehen, auch die gleiche Meinung haben, wo das hinsoll, wie es rüberkommen soll, herrschte auch sehr große Einigkeit.

Das Musical-Orchester der VBW
Das Musical-Orchester der VBW

zur Arbeit des Dirigenten
Natürlich muss man sich aufgrund seiner Erfahrung, seines Wissens, seines Wollens und seines Einsatzes Respekt verschaffen. Das Orchester der VBW besteht aus 85 Musikern, die zwischen den Häusern wechseln, das ist auch sehr wichtig für das künstlerische und geistige Wohlbefinden jedes Musikers. Stellen sie sich vor, man spielt jahrelang das gleiche Stück, irgendwann müsste man sich die Kugel geben, das muss fürchterlich sein. Ein Orchester kann aber nur gut sein, wenn es sich kennt, wenn es aufeinander hört und auch zusammen fühlt. Zusammengewürfelte Orchester wie etwa in Amerika finde ich nie so gut.

zum Musicalgenre
Ich habe das Gefühl das Genre Musical stagniert, es ist irgendwie die Luft raus, vor allem in Amerika. Die letzten großen Uraufführungen stammen alle aus Europa. Die VEREINIGTEN BÜHNEN WIEN sind da Vorreiter und auch führend. Ich allein habe hier schon drei Uraufführungen gemacht, die erste war FREUDIANA, ein Stück das ich immer noch für sehr gut halte, dann kam ELISABETH, das war der große Hit. Ich hoffe, dass MOZART! das auch wird, das Zeug dazu hat es. Ich würde mir allgemein wünschen, dass man in künstlerischen Dingen wieder mehr Mut hat Neues zu machen. Ich bin ganz gern ein „Experimentator“. Den Mut zu haben, ein ganz neues Stück zu schreiben, darum geht es. Und wenn das beim Musical niemand mehr tut, dann ist es tot, das war bei der Operette dasselbe.

Biographie Caspar Richter

Caspar Richter ist, mit kurzen Unterbrechungen, seit 1987 Musikdirektor der Vereinigten Bühnen Wien. Im Jahr 1982 wechselte er mit Lorin Maazel von der Deutschen Oper Berlin an die Wiener Staatsoper, wurde Orchesterchef der Volksoper und dirigierte zahlreiche Ballettproduktionen in Paris, Basel und Hamburg. Von Peter Weck zum Musical geholt und nach eigener Aussage „Mitbegründer" der Vereinigten Bühnen Wien, stellte er ein Orchester für alle Bühnen der VBW auf die Beine, das heute aus 85 Musikern besteht - zu Spitzenzeiten waren es 140 - und nach Kritikermeinung zu den besten der Stadt gehört.

Dieses Interview ist in der MUSICALCLUB-News Nr. 1, Winter 1999 erschienen.