Ich mag Anti-Helden

Drew Sarich im MUSICALCLUB-Startreff

Lisa Antoni (Mary Baroness Vetsera), Drew Sarich (Kronprinz Rudolf)
Lisa Antoni (Mary Baroness Vetsera), Drew Sarich (Kronprinz Rudolf)
Copyright: Copyright: VBW / Brinkhoff, Mögenburg

Hallo Drew, mit RUDOLF - AFFAIRE MAYERLING kehrst du wieder an eine Musicalbühne in Wien zurück – was war der Anreiz für dich, die Rolle des Kronprinzen Rudolf zu spielen?
Dass ich nach Hause komme! Ich war ein ganzes Jahr weg und von meiner Familie getrennt. Ich habe in London LES MISÉRABLES gespielt. Die Chance zu meiner Familie zurückzukehren war schon Grund genug. Die Geschichte kannte ich, ich wusste wer Rudolf und die Habsburger waren. Als mich Michael Pinkerton (Künstlerischer Leiter der VBW, Anm.) kontaktierte und mir sagte, dass David Leveaux Regie führen wird, war ich überzeugt. Ich wollte schon länger mit David Leveaux zusammenarbeiten. Endlich zuhause, David Leveaux und ein Musical über einen außergewöhnlichen Stoff - das hat mich interessiert!

Nach welchen Kriterien wählst du deine Musicalrollen aus?
Ich mag Anti-Helden! Ich finde es immer interessant, dass Undenkbare verständlich zu machen. Ganz ehrlich, manchmal sucht man etwas aus, damit man einen Job hat. Wenn man dann aber die Chance bekommt, etwas Neues zu kreieren und bei der Rollenerarbeitung eingreifen und mitmachen zu können, das ist dann etwas ganz besonderes. Rudolf ist ein Außenstehender, obwohl er zur mächtigsten Familie seiner Zeit gehörte. Eine verlorene Seele, die viele Fehler gemacht hat und jeder weiß wie seine Lebensgeschichte endete. Wenn wir das Ende schon wissen, wie kann man Selbstmord irgendwie nachvollziehbar machen. Es ist schon sehr mutig in einem Musical so ein heikles Thema darzustellen!

Du bist aber von Anfang an ein sehr sympathischer Rudolf!
Naja – Rudolf macht viele Fehler: seine vielen Frauen, er trinkt, er betrügt, seine politische Revolution sind nicht unbedingt heldenhaft. Es geht für mich mehr um Verständlichkeit, als um Sympathie. Sympathie ist für mich langweilig. Die netten Menschen bringen die Welt nicht in Bewegung.

Bei RUDOLF-AFFAIRE Mayerling gibt es ja die tolle Ballszene, wo sich Rudolf und Mary kennen lernen. Du gehst sehr geschickt die Treppe rauf und runter, während Du eine großartige Nummer mit Lisa Antoni singst – wie schaffst Du es bei dieser Szene nicht zu stolpern?
An der Schauspielschule haben wir einen Monat damit verbracht zu lernen wie man richtig geht. Einfach gehen – das hält man für so selbstverständlich. Aber es gibt Situationen wo man geschickt gehen muss (lacht). Und wir haben auch gelernt wie man eine Jacke in drei Schritten anzieht. Natürlich haben wir Studenten uns gedacht, was soll das – wir wollen Hamlet spielen. Aber wie man sieht sind diese kleinen Dinge äußerst wichtig. Für mich ist Schauspiel eine Kombination aus Zuhören und Bewegung. Wenn Rudolf mit dieser schönen Frau an der Hand am Ball die Treppe runtergeht, dann schwebt er.

Wie bereitest du dich eigentlich auf die Rolle allabendlich vor? Wann wird aus Drew Rudolf?
Bei jeder Rolle steckt sehr viel von mir drin. In der intensiven Probenzeit taucht man tief in die Rolle ein, lernt die Rolle intensiv kennen und lernt dies auf der Bühne umzusetzen. Ich bereite mich für die Show am Abend vor allem mit Musik vor. Ich stelle für jede Rolle den passenden Musikmix auf meinem iPod zusammen. Bei RUDOLF habe ich viel Eminem – Lieder, die von Selbsthass und Machtlosigkeit handeln, die eng und kompakt sind. Dadurch kann ich die Show so anfangen, dass ich mich gefühlsmäßig in einer Zwangsjacke befinde.

Rudolf ist ein Außenstehender, obwohl er zur mächtigsten Familie seiner Zeit gehörte

Drew Sarich "Kronprinz Rudolf"
Drew Sarich "Kronprinz Rudolf"
Copyright: VBW / Brinkhoff / Mögenburg

Ich habe gehört, dass du bereits junge Künstler unterrichtet hast. Stimmt das?
Ich habe ein paar Masterclasses gemacht. Ich muss ehrlich sagen, ich bin ein ganz schlechter Lehrer, glaube ich. Ich kann nicht immer artikulieren, was ich mache.

Hast du eigentlich noch Lampenfieber vor Premieren?
Eine Premiere ist für mich immer wie Achterbahn fahren. Man fährt hoch und weiß, jetzt kann ich nicht mehr aussteigen. Es wird in 10 Sekunden fliegen und ich muss einfach durch.

Wird für dich eine Rolle eigentlich irgendwann zur Routine?
Nein, ich bin stolz drauf und es macht mir gleichzeitig auch Angst, dass ich fast nie die gleiche Vorstellung abgebe. Ich versuche jeden Abend etwas anderes zu finden.
Bei RUDOLF gibt es diese Szene im 2. Akt zwischen Gräfin Larisch und mir, wir haben diese Szene bewusst nicht gesetzt. Hier haben Carin und ich wirklich viel Spielraum, das ist eigentlich ein Luxus für jeden Darsteller. Wir haben eine Basis und probieren uns jeden Abend neu aus.

Du hast bereits auf der ganzen Welt Musical gemacht. Am Broadway in New York, am West End in London. Gibt es einen Unterschied zu Wien?
Es gibt einen Sprachunterschied: In Amerika heißt Musical „theater“ und alle Genres gehören zur Theaterwelt. Es wird vor allem in Österreich ein Unterschied zwischen Schauspiel und Musical gemacht, das ärgert mich! Cornelius Obonya (spielte den Max Bialystock in THE PRODUCERS, Anm.) ist ein Beispiel der Hoffnung. Der Burgstar der sich für das Genre Musical interessiert und dieses als immense Herausforderung gesehen hat. Und dazu kommt, dass Obonya auch wirklich toll singen kann. Denn eigentlich sage ich ja immer: der Unterschied zwischen Sprechtheater und Musical ist, dass die Darsteller im Sprechtheater nicht singen können (lacht).

Du hast in deiner sehr erfolgreichen Karriere ja schon einige Traumrollen gespielt/gesungen, gibt es eine Traumrolle die du noch unbedingt spielen möchtest?
Ich würde gerne Guido Contini in NINE spielen. Dieses Musical kommt zu Weihnachten als Film mit Daniel Day Lewis in die Kinos. Es geht um einen Filmregisseur, einen richtigen Frauenheld. Er ist auch Antiheld, der lernt, was es heißt zu lieben. Aber auch der Che in EVITA oder der Billy Biglow in CAROUSEL würde mich sehr interessieren. Und Pink in Pink Floyds THE WALL.

Neben deinen Musicalengagements hast du auch eigene Musikprojekte, wie wichtig ist dir deine persönliche Musik und deine Band?
Es ist für mich wie atmen. Es ist so schön, sich selbst zu artikulieren.

Deine erste CD „Say it“ ist wunderschön und gefühlvoll. Deine zweite CD „International Victim“ klingt da schon härter und rockiger. Hast Du musikalische Vorbilder?
Viele! Musikalisch sind das Jeff Buckley, Johnny Cash, Mike Patton, Prince, Lenny Kravitz, Nick Cave, Elvis Presley. Meine theatralischen Vorbilder sind unter anderem George Horn und Steve Barton.

Woher kommt die Inspiration für deine Songs?
Meine Inspiration sind meine Geschichten, Dinge die gerade in meinem Leben passieren, die mich beschäftigen. Jetzt fange ich langsam an, auch Geschichten zu erzählen, die mir gar nicht passiert sind.

Eine verlorene Seele, die viele Fehler gemacht hat

Martin Pasching "Wilhelm II", Drew Sarich "Kronprinz Rudolf", Dennis Kozeluh "Edward, Prince of Wales"
Martin Pasching "Wilhelm II", Drew Sarich "Kronprinz Rudolf", Dennis Kozeluh "Edward, Prince of Wales"
Copyright: VBW / Brinkhoff / Mögenburg

Hast du ein Lieblingslied auf deiner CD „International Victim“
Die Lieder sind alle von mir, ich liebe sie alle! Drei Nummern liegen mir besonders am Herzen: „The Collision“ liebe ich, denn es ist dreckig, gefährlich und sexy! „4 Eyed Surprise“, da geht es um meine Kinder und „Rescued“ mag ich auch besonders!

Im Mai dieses Jahr hattest du einen Auftritt im Ost-Klub. Dürfen wir uns bald auf weitere Soloabende freuen?
Leider ist mir das zeitlich momentan nicht möglich. Neben meiner Hauptrolle in RUDOLF und als Familienvater (Drew Sarich ist mit der Musicaldarstellerin Anne Mandrella verheiratet und die beiden haben fünfjährige Zwillinge namens Ami und Noah, Anm.) ist das nicht so leicht.

Wie schaffst du als erfolgreicher Künstler den Spagat zwischen Familie mit kleinen Kindern und vollem beruflichen Engagement, zumal deine Frau ja ebenfalls erfolgreiche Künstlerin ist?
Das ist manchmal wirklich ganz schön schwierig. Time Management ist nicht unbedingt meine Stärke. Meine Familie ist eine tägliche Übung von gutem Time Management (lacht). Mal krieg´ ichs hin, mal nicht. Momentan bin ich mit den Kindern alleine, meine Frau spielt momentan EVITA in Dresden, das ist ganz schön herausfordernd! Wir haben wirklich Glück – wir haben zwei Theaterkinder! Die Kinder kamen ganz früh mit Theater in Berührung. Als die beiden zwei Wochen alt waren, haben sie schon Theaterluft geschnuppert und waren bei den Proben zu BARBARELLA live dabei.

Bleibt da noch Zeit für Sport?
Ja, ich versuche drei- bis viermal pro Woche ins Fitness-Studio zu gehen. In London fing ich an zu boxen, das macht mir richtig Spaß! Die Show RUDOLF ist aber eigentlich schon ein Workout, weil ich die ganze Zeit auf der Bühne stehe und wirklich sehr intensive Musiknummern habe!

Hast du dein musikalisches Talent geerbt oder ist es sozusagen ein „Geschenk Gottes“?
Ich komme aus einer kreativen Familie. Meine Mutter singt, nicht professionell, aber sie hat mich schon als Kind zu ihren Chorproben mitgenommen. Musik war ständiger Teil unseres Familienlebens.

Waren deine Eltern von Anfang an von deiner Berufswahl begeistert oder musstest du sie erst einmal davon überzeugen?
Sie hatten schon Angst. Ich fing schon sehr früh an in der Kirche zu singen. Eines Tages haben meine Eltern Karten für eine Tourneeproduktion von LES MISÉRABLES gekauft und da meine Schwester krank wurde, musste ich sie begleiten. Eigentlich wollte ich viel lieber Basketball spielen und war gar nicht begeistert. Am Ende des Stückes saß ich da und hab einfach nur geheult.

Das heißt du hättest auch kein Problem damit, wenn deine Kinder in deine Fußstapfen treten und auch Künstler werden wollen?
Nein! Wenn sie es wollen und auch gut sind! Meine Tochter hat zum Beispiel gerade einen Werbespot gedreht. Was besonders wichtig in unserem Beruf ist, Leute um sich zu haben, die ehrlich zu dir sind und die dir auch sagen, wenn deine Leistung einmal nicht gut war! Man muss diesen Beruf wirklich lieben und ich liebe es sehr!

Das Interview führte MC-Mitglied S.Dörr, erschienen in Musicalvienna Nr. 31

Das Interview führte MC-Mitglied S.Dörr, erschienen in Musicalvienna Nr. 31