HAIR Startreff

Drew Sarich und Kyrre Kvam in HAIR (Raimund Theater, 2001 - 2002)
Copyright: VBW
Wie geht es euch, so kurz vorm Urlaub?
Drew: Ich bin sehr gespannt auf den Urlaub. Ich glaube wir brauchen ein bisschen Ruhe und Freizeit.
Ihr habt ja auch eine ziemlich intensive Zeit hinter euch, oder?
Drew: Ja, kann man wohl sagen.
Und dann seid ihr beide noch ein Jahr dabei?
Kyrre: Mein Gott. Ja, wir werden noch ein Jahr hier sein.
War es sehr anstrengend?
Drew: Wir haben auch sehr viel Spaß. Das Tolle ist, dass wir auf der Bühne immer etwas Neues machen können. Wir haben bei HAIR den Spielraum, den man bei Produktionen wie DIE SCHÖNE UND DAS BIEST nicht hat.
Welches Lied von HAIR singt ihr am liebsten, hat es eine bestimmte Aussagekraft?
Kyrre: Mein Lied ist, glaube ich, WHERE DO I GO. Dieses Lied gefällt mir musikalisch sehr gut. Es erzählt viel über meine Geschichte, über Claudes Geschichte, und ist daher sehr wichtig.
Drew: Ich habe das Lied WHAT A PEACE OF WORK IS MAN schon als kleiner Junge geliebt. Dieses Lied ist einfach so schön. Man sieht anfangs nur Krieg und Gewalt und dann kommt dieses Lied: „Alles ist gut und sind wir nicht so wunderbar. In Wahrheit ist nicht alles OK. Ich find es einfach gut, dass diese Aussage so betont wird.
Du spielst den Berger ja jetzt schon...
Drew:..zum zweiten Mal.
Was hat sich geändert? Hast du den Berger ganz neu definiert?
Drew:Ja, ich glaube. Das erste Mal haben wir die originale Inszenierung gespielt, es war in einem kleinen
Sommertheater in Amerika. Ich glaube, dass ich mich jetzt ein bisschen mehr darauf konzentrieren, was es bedeutet diese Figur zu spielen. Weil in diesem Stück, besonders in dieser Inszenierung ist es wichtig, junge Leute vor eine Herausforderung zu stellen. Und Berger ist ein Typ, der glaubt, dass er alles weiß und für etwas bestimmtes steht. Alles was er denkt ist richtig und er ist so stolz auf sich selbst. Aber in Realität hat er nichts. Er hat nichts erreicht. Und am Ende des Stücks macht er eine große Entdeckung. Viele junge Leute heute glauben, dass alles ein bisschen zu einfach ist. Wir haben alles. Und dieser Wandel in einem selbst von „Ich bin König.“ zu „Mein Gott, was kann ich jetzt tun, um etwas besser zu machen“ ist einfach unheimlich wichtig.
Arbeitet ihr beide laufend an euren Rollen? Entwickelt sich da noch etwas? Oder ist jetzt ein Level erreicht, wo man sich sagt, dazu stehe ich jetzt?
Kyrre: Jeden Tag ist irgend etwas anders. Du siehst immer etwas anderes. Das ist das schöne daran mit diesen Leute zu arbeiten, besonders mit Drew. Ich weiß ganz genau, dass ich was anderes auf der Bühne machen kann und ich bekomme was anderes zurück. Und es ist so wichtig das Stück „arbeiten“ zu lassen, es sich weiterentwickeln zu lassen. Wenn wir so weiter machen wie bisher, wird die Arbeit auch weiterhin Spaß machen.
Drew: Ich glaube auch, dass ich zu oft als Zuschauer im Theater das Gefühl hatte, dass die sagen: „Wir werden euch jetzt etwas beibringen. Ihr habt so ein großes Glück, jetzt hier zu sein.“ Doch ich glaube, dass das wichtige an unserem Job ist eine Geschichte zu erzählen. Und durch diese Geschichte können wir etwas ändern.
Kyrre: Wir wissen nicht mehr als das Publikum.
Drew: Alles ist eine Gesamterfahrung. Ich habe noch nie ein Stück gespielt, bei dem so viel vom Publikum abhängt. Wenn wir Zuschauer haben, die was zurückgeben wollen, macht es unsere Arbeit so wunderbar und leicht. Dann können wir einfach Spaß haben.

Kyrre Kvam und Drew Sarich in HAIR (Raimund Theater, 2001 - 2002)
Copyright: VBW
Wobei das Wiener Publikum ja wirklich mitgeht.
Kyrre: Es ist wirklich schön das mitzuerleben. Das Publikum ist während der Show manchmal ein bisschen still, dann die Gesichter zu beobachten wenn wir zum 2.Mal LET THE SUN SHINE IN singen, das ist einfach fantastisch.
Drew: Es ist wichtig, dass die Zuschauer immer noch die gleiche oder fast die gleiche Erfahrung vermittelt bekommen wie in den 60er und 70er Jahren. Unsere Geschichte ist zwar nicht eine genaue Wiedergabe der 68er Jahre, einfach weil unsere Zeit anders ist. Wir müssen uns auf junge Leute von heute konzentrieren, das Stück handelt davon, was es bedeutet jung zu sein, welche Probleme wir damit haben. Das Stück ist aber auch nicht nur für 18-jährige Kids wichtig, sondern auch für Leute, die vierzig oder fünfzig sind, weil es eine Geschichte von Leben und Tod ist und wir alle müssen uns dem stellen.
Kyrre: Ich glaube, dass viele Zuschauer noch jede Menge eigene Erinnerungen und Erwartungen haben, wenn sie das Stück wiedersehen, viele Leute stellen dann fest, dass es anders ist und sind vielleicht sogar enttäuscht, zumindest am Anfang. Aber dann hoffe ich dass sie ihre Meinung ändern und realisieren, dass es eine andere Version ist, anders, aber dennoch gut.
An der Grundaussage hat sich ja nichts geändert. HAIR wird auch immer aktuell bleiben. Habt ihr eigentlich den Film gesehen?
Drew: Ja, der ist ganz anders. Die Show auf der Bühne ist „zerstreuter“. Milos Forman (Regisseur des Films) hat versucht einen Krimi zu machen, dem die Leute folgen können. Ich finde den Film echt super, aber die Wiedergabe der Geschichte finde ich auf der Bühne besser als im Film.
Seid ihr in der Jugend eigentlich auch selber demonstrieren gegangen? So richtig auf die Straße gegangen...?
Kyrre: Ich war sehr, sehr politisch interessiert.
Drew: Leider gab es für mich in Amerika als ich 17 oder 18 Jahre alt war nicht so viel zu kämpfen. Ich habe ein schwarzes Armband angezogen als der Golfkrieg war, aber das war auch das einzige was wir tun konnten.
Kyrre: Es gibt einfach nicht so viele offensichtliche Dinge, um die man kämpfen könnte. Weil wahrscheinlich keine allgemeine Betroffenheit mehr da ist, wie damals. Du musst es suchen. Junge Leute von heute, glaube ich, müssen etwas suchen, sie müssen ihre Welt kennen. Für mich sind heute Rassismus und Rechtsextremismus die beiden auffälligsten Probleme, denen du dich jeden Tag aufs Neue stellen musst.
Welches war bei euch beiden jeweils das erste Musical, das ihr gesehen habt? Wie alt wart ihr da?
Kyrre: Es war CRAZY FOR YOU. Ich war ungefähr zwanzig, glaube ich.
Drew: Mein erstes Musical glaube ich war die WEST SIDE STORY oder JESUS CHRIST SUPERSTAR. Ich erinnere mich, dass JESUS CHRIST SUPERSTAR einen starken Eindruck auf mich gemacht hat. Ich dachte mir: „Mein Gott, ist das toll.“ Dass du Rock-Musik singen und dazu auch eine Geschichte erzählen kannst, fand ich einfach genial.
Gab es irgendwelche Pannen, bei denen ihr denkt das war witzig, das werde ich nie vergessen?
Drew: Viel. Ich finde es gibt so viele Sachen, die du nicht planen kannst. In diesem Stück haben wir oft Situationen, in welcher einer in einer Szene eine Grimasse zieht. Und du siehst es und denkst nur: „Oh, mein Gott. Eintausend Leute schauen zu, du musst es einfach überspielen.“
Habt ihr eigentlich gewusst, was euch erwarten würde als ihr nach Wien gekommen seid, dass man eine neue Version auf die Bühne bringen will?
Kyrre: Ich habe gar nichts spezielles erwartet. Ich wusste auch einfach überhaupt nichts über Wien, oder über das Theater, über Kim Duddy, über die Vereinigten Bühnen Wien, ich kannte einfach nichts. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich ein gutes Angebot bekommen habe und eine große Rolle. Und ich verbringe hier eine tolle Zeit.
Drew: Ich hatte anfangs Angst. Weil ich gehört hatte, dass HAIR ein Tanzstück wird. Ich dachte halt nur, Ich bin kein Tänzer. Meine Freundin, die mit Kim schon gearbeitet hat, sagte zu mir, es wird ein Tanzstück und ich weiß, dass du die Rolle willst, aber vielleicht solltest du es sagen. Ich hatte bei der Audition große Angst. Kurz vor der Audition habe ich Kim getroffen, und sagte zu ihr:„ Ich will singen, aber ich bin kein Tänzer.“ worauf sie meinte, das macht nichts. Aber ich wusste auch gar nicht, was passieren wird. Ich kenne zwar die VBW, denn ich habe Leute getroffen die bei LES MIS und BEAUTY mitgemacht haben, aber ich wusste nicht, ob es eine Neuinszenierung oder ob es eine Original-Aufführung wird. Ich dachte einfach nur, dass ich dieses Stück noch mal machen möchte. Ich will in einer neuer Stadt leben und ich will eine Stadt erfahren und kennen lernen. Und Kim ist super, es macht so einen Spaß mit ihr zu proben und zu reden. Sie ist einfach eine tolle Frau und sehr klug. Bei den Proben war es auch immer locker und genau das will ich. Ich habe einfach zu viele Stücke gemacht, bei denen immer alles genau vorgegeben war.
Seid ihr eigentlich immer noch nervös vor der Show?
Drew & Kyrre:Nein.
Oder habt ihr ein Ritual oder ein Talismann?
Kyrre: Nein
Nicht einmal Toi, Toi, Toi?
Drew: Nichts. Weil wir sind jetzt einfach auf der Bühne eine richtige Familie geworden. Wir kennen einander. Du siehst zum Beispiel Cedric (Lee Bradley) und weißt ungefähr, was er machten. Aber etwas Neues könnte passieren und ich könnte jetzt zu ihm hingehen und mit ihm darüber reden. Weil alles einfach so locker ist. Es ist eigentlich ein Party mit einer Geschichte. Wir haben zwar einen „basic-plan“, aber es ist immer auch ein bisschen spannend.
Hat es lange gedauert bis ihr euch so gut verstanden habt?
Kyrre: Nein, das ging ziemlich schnell.
Wie ist eigentlich euer Verhältnis zu den Fans?
Drew: Es ist super wenn jemand kommt und sagt: „Wir mögen, was du machst.“ Das ist wichtig, weil wir machen das jeden Tag. Und manchmal fragt man sich, ob das was ich mache richtig ist, ob ich einen wichtigen Punkt treffe. Wenn dann jemand kommt, der mir sagt, dass es ihm was bedeutet, ist das einfach super. Fans auf der Straße zu treffen, ist immer cool. Es ist gar kein Problem.
Kyrre: Nein, das ist wirklich überhaupt kein Problem.
Seid wann habt ihr eigentlich den Wunsch zu singen, zu tanzen, zu schauspielern?
Drew: Schon immer. Ich dachte, ich würde vielleicht in einer Band spielen, ich habe auch immer Musicalstar sein wollen. Ich habe eigentlich immer Musik gemacht, gespielt oder gesungen, seit ich sieben Jahre alt bin.
Kyrre: Ich könnte einfach nie in einem Büro sitzen.
Danke für das Gespräch!

