TEAM@VBW: Hubert Auinger

Du bist Chefinspizient im RAIMUND THEATER und im RONACHER. Wie bist du zu den VBW gekommen? War das schon immer ein Traumberuf von dir?
Ich habe Trompete und danach Musikwissenschaften studiert und früher viele Musicals wie beispielweise in Amstetten und in vielen Bands gespielt. Ich habe dann im Laufe der Zeit viele Musiker kennengelernt die auch bei den VBW gespielt haben und so bin ich zu den Vereinigten Bühnen Wien gekommen. Im Jahr 1996 ist der Job des Inspizienten im THEATER AN DER WIEN für ELISABETH frei geworden und ich habe überhaupt nicht gewusst was der Job eines Inspizienten wirklich ist, aber mich hat schon immer der Blick vom Orchestergraben auf die Bühne interessiert, wie Verwandlungen passieren, aber keine Ahnung gehabt wer da dahinter steckt. Die Stelle ist zufällig frei geworden und ich habe mich dafür beworben. Ich hatte den großen Vorteil, dass ich eine HTL gemacht und auch studiert habe. Für diesen Job werden Personen gesucht, welche sowohl musikalisches als auch technisches Verständnis haben. Ich habe die Probezeit absolviert und den Job bekommen. Außerdem wollte ich auch wieder einen fixen Job und nicht ständig zwischen den verschiedenen Orchestern wechseln. Ich habe gewusst das ist das Richtige für mich und seitdem bin ich seit dem 1. April 1996 da!
Welche Ausbildung gibt es für den Job des Inspizienten?
Es gibt mittlerweile eine Stagemanager-Ausbildung. Das ist ein Universitätsstudium in England aber bei uns in Österreich oder Deutschland gibt es im Moment kein Studium dafür. Es wird aber immer mehr gefordert in England zu studieren. Der Job heißt eigentlich jetzt schon Stagemanager und nicht mehr Inspizient. Aber es steckt ein anderes System dahinter. Im Stategemanagement-System heißt der Inspizient „Caller“. Der Rufer macht genau den gleichen Job. Aber zu den Grundvoraussetzungen zählt ein Musikstudium sowie technisches Verständnis.
Warst du bei den VBW in allen drei Theatern tätig?
Ja. Ich war auch damals im THEATER AN DER WIEN bei ELISABETH tätig. Jetzt wechsle ich zwischen RAIMUND THEATER und RONACHER.
Was sind deine Aufgaben als Chefinspizient?
Zusätzlich zu den täglichen Abenddiensten am Pult schreibe ich den Dienstplan, koordiniere unser Team und kümmere mich darum, dass alle Mitarbeiter die Shows einstudiert haben. Ich teile auch Proben und Vorstellungen ein und bin der erste Ansprechpartner für Wünsche und Probleme.
Wie viele Inspizienten seid ihr im RAIMUND THEATER und RONACHER?
Wir sind zu viert. Das heißt, dass jede Show von drei Leuten betreut werden kann.
Wenn zwei Personen zum Beispiel krankheitsbedingt ausfallen, gibt es noch immer einen dritten Inspizienten, welcher die Show dann durchführt.
Sind von Beginn an einer Produktion alle vier Inspizienten beteiligt?
Früher mussten wir auch auf der Probebühne sitzen und bei den Proben anwesend sein. Heutzutage ist das etwas anders. Wir sind jetzt immer bei den Durchläufen auf der Probebühne dabei und steigen dann ein, wenn die Proben auf der Bühne stattfinden. Da gibt es vorher die „Dry Techs“. Das ist eine Woche, wo wir mit Technik und Musik alles koordinieren und einrichten, damit der technische Showablauf funktioniert. Denn wenn das Ensemble auf die Bühne kommt, müssen die Vorbereitungen schon so gut wie möglich fertig sein, damit die Cast noch genügend Zeit zum Proben hat und keine Wartezeiten durch Programmieren entstehen. Das ist aber von Produktion zu Produktion verschieden.

Was sind deine Aufgaben während den Proben?
Bei den Proben ist man der Mittelsmann zwischen Bühnenbildner, Regie und musikalischer Leitung. Die ganzen Verwandlungen sollen musikalisch auch einen Sinn haben. Das wird dann bei den Proben angeglichen. Der Regisseur und Bühnenbildner geben uns dann Anweisungen, wie die Bühnenverwandlungen aussehen sollten. Wir setzen dann diese Vorgaben mit der technischen Leitung und den Bühnenmeistern um. Das sind sehr komplexe und teilweise komplizierte Aufgaben.
Wenn eine Produktion wie SISTER ACT übernommen wird, könnt ihr da Konzepte übernehmen oder müsst ihr da von vorne beginnen?
Bei ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK war ich beispielsweise fünf Tage in Hamburg und habe mir die Show angesehen welche teilweise ident übernommen wurde, teilweise aber neu gestaltet wurde. Man sieht sich die Show an, schreibt mit und sieht wie alles funktioniert. Man kommt dann schnell drauf, dass einige Dinge heikel sein könnten. Man kann sich dann schon für die Produktion dafür vorbereiten. In jedem Theater gelten natürlich andere Voraussetzungen aber man kann sich ein Bild machen wie alles ablaufen wird. Das Gerüst ist von Beginn an schon vorhanden und dann wird bei den Proben das Stück nach Vorgaben des Leadingteams auf unsere Bühne adaptiert
Wie ist der Ablauf für einen Inspizienten vor und während der Show eines Abends?
Wir sind für den gesamten Ablauf der Vorstellung verantwortlich. Um 19 Uhr kommt das erste Zeichen. Es wird ein Einruf gemacht und die Uhrzeit durchgesagt oder auch zum Beispiel Besetzungsänderungen bekannt gegeben. Eine viertel Stunde später kommt das zweite Zeichen und fünf Minuten vor der Show folgt das dritte Zeichen und dann geht die Vorstellung los in dem ich am Pult sitze und jeder Abteilung meine „Cues“ sprich Anweisungen gebe. Der Dirigent bekommt von mir das Zeichen für den Beginn der Show. Dann läuft die Vorstellung nach der Musik und ich habe einen Klavierauszug vor mir am Inspizientenpult liegen wo die ganzen Cues für Lichtregie, Technik, Ton, Requisite usw eingetragen sind. Es gibt Lichtzeichen für Bühne und Technik und es gibt auch Lichtcues für die Lichtregie. Das sind so im Schnitt zwischen 300 bis 500 Lichtcues. Mit den Vorbereitungscues für Technik, Bühne, Ton und Licht kommen wir im Schnitt insgesamt zwischen 900 und 1100 Cues pro Show. Dies Cues müssen in jeder Show exakt gecallt werden. Wenn ein Problem auftritt, kann ich zum Beispiel nicht sagen, dass ich die Lichtqueues weglasse und kümmere mich nur um die Technik, das geht nicht. Da muss man sehr schnell entscheiden, entweder man bricht ab oder man muss auf drei Ebenen seinen Job machen. Einerseits mit dem Team kommunizieren, dann die Cues ansagen aber auch gleichzeitig den Klavierauszug lesen, weil auswendig geht das nicht. Das geht von einer bis vier Ebenen die gleichzeitig laufen. Man muss dabei ruhig bleiben und Entscheidungen treffen, das ist auch Erfahrungssache. Es gibt auch manches mal technische Probleme, Gott sei Dank sehr selten, wo man die Show unterbrechen muß und nach erfolgter Behebung des Problems weiterspielt .

Wer sind deine Kontaktpersonen während der Show?
Das ist einmal die Lichtregie, welche die Lichtcues auf dem Pult bedient. Dann gibt es den Schnürboden, welcher die Automation (Bühnenverwandlungen) vom Schnürbodenpult bedient. Eigentlich die gesamte Bühnentechnik, alle Leute die im Haus auf der Bühne, neben der Bühne und hinter der Bühne arbeiten. Das Team ist mit mir mit Funk verbunden und hört meine Kommandos. Umgekehrt wenn Schwierigkeiten auftreten wird das dann auch mit mir besprochen. Es kommt immer drauf an was gerade passiert und los ist. Das läuft eher ziemlich ruhig ab, solange nichts passiert und alles gut läuft. Wenn dann etwas passiert, dann ist ab und zu Hektik drinnen, aber da ist man auch dazu angehalten, dass man die Leute beruhigt und Prioritäten setzt. Wenn man das nicht macht, entsteht meist Chaos und das braucht niemand während der Show.
Alle Beteiligten warten dann auf dein Kommando?
Ja genau. Jede Aktion die man vom Zuschauerraum sieht wie jede Lichtänderung, jede Bühnenänderung, jeder Vorhang, alles was man sieht was sich bewegt wird vom Inspizient anhand des Klavierauszuges zum richtigen Zeitpunkt gegeben, in der Fachsprache „gecallt“. Das Team muss sich nach meinen Anweisungen richten. Es gibt Situationen, musikalische Tempis einen Tick schneller oder langsamer. Die computergesteuerten Bühnenelemente fahren immer den gleichen Weg in der der gleichen Zeiteinheit. Da hab ich einen Korridor. Wenn ich weiß, die Musik ist eine Tick schneller aber am Schluss muss wieder alles punkgenau fertig sein, dann muss ich die Verwandlung je nach Tempo vielleicht um einen Takt vorziehen und dann auch noch im Verhältnis und Abstimmung mit dem Licht. Aber das sind Ausnahmesituationen. Würde sich da keiner dran halten, dann würde das in einem Chaos enden. Da wir aber in beiden Häusern eine sehr gute Crew haben, sind auch unvorhergesehene Ereignisse gut zu meistern und dem Publikum fallen solche seltene Vorfälle meist nicht auf.
Sind die Dirigenten auch mit euch über Kopfhörer verbunden?
Nein sind sie nicht. Wir sind über ein Lichtzeichen verbunden, können dann aber miteinander Kontakt aufnehmen und miteinander sprechen. Während der Show wird aber nicht miteinander gesprochen außer es gibt ein Problem, dann können wir natürlich miteinander kommunizieren.
Mit welchen Geräten kommunizierst du während der Show?
Ich habe im linken Ohr das In-Ear. Da habe ich das Orchester und den Ensemblegesang drinnen. Auf der anderen Seite das Headset wo ich mit der Technik kommuniziere. Das kann sehr anstrengend sein. Man hat das gesamte Team drinnen und wenn da viel los ist, geht es rund. Es ist eindeutig ein Multitaskingjob.
Stressresistent muss man auf jeden Fall sein oder?
Solange es positiver Stress ist, ist das OK. Selten aber doch gibt es Ausnahmen wo man einem negativen Stress verfällt. Aber das ist in jedem Job so.
Das Inspizientenpult sieht sehr interessant aus. Wir sehen etliche Monitore, Tasten, die Partitur. Kannst du uns einen kurzen Überblick beschaffen?
Ich habe die Bühne mit vier Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln wie zum Beispiel die Hinterbühne, eine Frontalkamera vom Zuschauerraum in Farbe, Infrarotkameras für die Szenen wo es kein Licht auf der Bühne gibt, aber sich trotzdem Bühnenelemente und Personen bewegen. Dann gibt es eine Kamera zum Zoomen, das ist ganz praktisch. Wir sind bei den VBW sehr gut ausgerüstet, was auch für die Sicherheit der Cast und der Bühnentechnik sehr wichtig ist.
Kann es zu gefährlichen Situationen kommen?
Ja natürlich. Beispielsweise kann es gefährlich werden wenn mehrere Maschinen getrennt gesteuert werden müssen und da kann es dann passieren, dass sich die Verwandlung nicht ausgeht und dann muss man z.B. stoppen. Das ist auch der Sinn und Zweck von Kameras. Solange alles so läuft wie geplant, ist es nicht gefährlich. Es kommt immer auf die Situation drauf an. Aber dafür sind wir und auch die Bühnentechnik da.
Routine kommt eigentlich nie auf oder?
Routine gibt es zum Glück keine. Das wäre das Schlimmste für diesen Job, denn ab diesem Zeitpunkt macht man Fehler. Manche Leute fragen mich ob ich die Songs überhaupt noch hören kann. Natürlich höre ich die Songs, aber ich konzentriere mich nicht auf das Lied sondern auf viele andere Tätigkeiten die ich gleichzeitig erfüllen muss. Wenn die Vorstellung vorbei ist, ist es wunderbar wenn nichts passiert ist und die Leute applaudieren. Dann weiß ich, dass die Show gut gelaufen ist. Mir wird nie fad dabei, das ist auch gut so.
Was ist für dich der Reiz dieses Jobs?
Die Abwechslung. Wenn man weiß dass die Vorstellung super gelaufen ist und dass man dabei involviert war. Es macht Spaß im Theater zu sein. Die Atmosphäre, die Leute das ist eine eigene Welt, eine völlige Zauberwelt. Die Mischung macht es aus! Manchmal total verrückte Leute, aber auch Personen, wo man Freundschaft schließt.
Du bist seit 1996 bei den VBW. Ist dir eine Produktion besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Die Produktion die mir besonders in Erinnerung bleibt ist TANZ DER VAMPIRE mit Roman Polanski als Regisseur. Da wurde ich nämlich ins kalte Wasser gestoßen. Ich war 1,5 Jahre im Unternehmen und dann habe ich alleine die Weltpremiere gemacht. Es war irrsinnig lehrreich. Man ist in der Produktion mitten drinnen und denkt sich, das wird heiß werden. Ist sich aber alles ausgegangen. Der Roman Polanski war ein wahnsinnig netter Kerl und ein Arbeitstier. Am Anfang ist man natürlich stolz, dass man mit solchen Leuten arbeitet. Das ändert sich aber sehr schnell und es geht dann rein nur um Arbeit und der Promifaktor zählt da nicht mehr.
Einen Darsteller würde ich nach seiner Traumrolle fragen. Gibt es für dich ein Musical wo du unbedingt einmal mitarbeiten möchtest?
Eigentlich nicht. Ich habe schon so viele Musicals bei den VBW gemacht. Da man weiß, dass die VBW im europäischen Raum was auch Bühne und Technik betrifft an oberster Stelle sind, bin ich absolut zufrieden. Was mich interessiert ist „Cirque du Soleil“. Das ist schon unglaublich was dort passiert. Aber ich bin hier irrsinnig zufrieden und es passiert so viel in unserem Haus, da wird einem nie fad.
Deine Lieblingsproduktion bei den VBW?
Gibt es eigentlich nicht. Aber es gibt so Produktionen wo man selber sehr viel mitagieren konnte. Beispielsweise REBECCA, die Show hat perfekt funktioniert. Das war wirklich Feinarbeit und von der Einrichtung war das eine der perfektesten Shows, wo ich mitarbeiten durfte. Es ist jede Produktion wichtig und hat seinen Reiz. Egal ob große oder kleine Produktionen, das Prinzip und die Anforderungen bleiben immer dieselben.
Eine Stärke für die man dich bewundert?
Ruhig zu bleiben.
Eine Schwäche die man dir verzeihen soll?
Gibt es da eine? ;-)
Mit welchem Menschen würdest du gerne einen Abend verbringen?
Auf jeden Fall mit einer Frau, aber ich weiß noch nicht mit welcher.
Ein Buch, das dich besonders berührt hat?
Als Kind war das „Hänsel & Gretel“, da musste ich immer weinen.
Welcher Versuchung kannst du nicht widerderstehen?
Käsefondue.
Was wolltest du schon immer einmal ausprobieren, hast es dich aber nie getraut?
Formel 1 fahren, hätte ich mich schon getraut, bin aber noch nie dazu gekommen.
Eine Kindheitserinnerung die du nie vergessen wirst?
Mit dem Dreiradler über die Kellerstiege fahren und anschließend eine Naht am Kopf.
Hast du ein Lebensmotto oder einen Spruch der dich begleitet?
Nein, ein Motto hab ich keines. Ich denke mir öfters ruhig bleiben und genießen.Und jemanden Anderem nur das zumuten, was man sich auch selber zumuten würde.
Welche drei Dinge nimmst du auf eine einsame Insel mit?
Auf diese Frage hab ich schon gewartet. Ich brauche auf keine Insel, denn ich lebe auf der Insel der VBW. Da gibt es eh alles, was man sich auf eine Insel mitnehmen würde. ;-)
