Romeos reizende Julia

Marjan Shaki im MUSICALCLUB-Gespräch

ROMEO & JULIA - Marjan Shaki (Julia), Carin Filipcic (Amme)
ROMEO & JULIA - Marjan Shaki (Julia), Carin Filipcic (Amme)
Copyright: VBW / Jean Marie Bottequin

Heute in zwei Monaten hast du deine letzte ROMEO & JULIA-Vorstellung bereits hinter dir. Wie fühlst du dich, wenn du daran denkst?
Einerseits bin ich ganz glücklich, dass es bald vorbei ist, andererseits wird es traurig werden, dessen bin ich mir auch bewusst. Meine Eltern sind bei der letzten Vorstellung dabei, danach fahre ich sofort nach Hamburg und dann in Urlaub. Ich freue mich auch total auf die Zeit danach, weil sich dann vieles wieder ändert. Das ist ein Neuanfang und das wird auch gut sein, eineinhalb Jahre sind ausreichend.

Was wirst du am meisten vermissen?
Das Theater, auch wenn es immer irgendwie verflucht und dann eben doch wieder geliebt ist. Gerade jetzt heißt es oft: „Oh Gott, ich muss wieder ins Theater, obwohl es draußen so schön ist!“, aber es ist auch schön rein zukommen und zu wissen, dass das auf eine Art unser zweites Zuhause ist.

Ist es manchmal schwierig, sich für eine emotional so anspruchsvolle Show wie ROMEO & JULIA zu motivieren?
Es ist immer irgendwann - bei jedem Stück - schwierig sich zu motivieren. Nicht nur, weil es – wie in diesem Fall - so wahnsinnig emotional ist. Wenn die Show mit einem Tod beginnen würde, wäre es natürlich anders. Aber wir beginnen ja fröhlich und die Dramatik setzt dann erst im 2. Akt Schritt für Schritt ein. Ich denke, es ist prinzipiell schwer sich tagtäglich zu motivieren, das ist doch bei jedem Job so. Aber man soll immer versuchen Spaß zu haben, denn sonst hat man schnell das Gefühl, dass Minuten zu Stunden werden. Außerdem ist der Zusammenhalt der Cast, im Sinne des Stückes, sehr motivierend.

Inwiefern ist die Stimmung im Zuschauerraum wichtig für die Leute auf der Bühne?
Ich versuche inzwischen, dem während der Vorstellung nicht mehr zu viel Bedeutung beizumessen – im Sinne: heute war´s schlecht, weil die Reaktion nicht die erwartete war. Ich habe mir abgewöhnt darauf zu hören, wie intensiv geklatscht oder an welcher Stelle gelacht wird, weil ich dann nicht 100 Prozent konzentriert bin. Es kann so viele Gründe haben, warum eine „gewohnte“ Reaktion mal nicht eintritt oder anders ist, das ist ja auch das spannende am Life-Theater oder Musical. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es nicht auch aufbauend sein kann, wenn man ein gutes Feedback bekommt. Wenn es im Zuschauerraum ganz still ist, heißt das für mich nicht zwangsläufig, dass die Leute gelangweilt, sondern vielleicht einfach aufmerksam sind.
Was ich nicht mag, ist respektloses Verhalten. Das kommt sehr selten vor, aber ist schon passiert. Permanentes Gerede, Zwischenrufe oder Handyklingeln...und dergleichen. Wenn es jemandem nicht gefällt, kann diese Person jederzeit das Theater verlassen. Manche ahnen vielleicht gar nicht, wie schwer es ist „gegen ein Publikum anzuspielen“, das nicht will – das betrifft natürlich nie alle Zuschauer. Wir versuchen alle unser Bestes zu geben und man ist in diesem Moment unsagbar nackt, schutzlos. Und dadurch auch sehr angreifbar. Vielleicht ist die Fähigkeit sich entsprechend abzugrenzen schlicht eine Frage der Erfahrung.

Gibt es einen spürbaren Unterschied zwischen deutschem und österreichischem Musicalpublikum?
Früher habe ich immer gesagt, „den gibt es“. Auf der Bühne selber, kann ich das nicht wirklich beurteilen. Man merkt es in der Öffentlichkeit, weil sich die Leute in Österreich mehr für Kultur und eben auch Musical und das Privatleben der Schauspieler interessieren, und besonders merkt man es am Abend nach der Show beim Bühneneingang. In Stuttgart bei TANZ DER VAMPIRE gab es auch immer wieder Zuschauer und Fans, die sich nach der Vorstellung Autogramme holten oder Fotos machten, doch ist das nicht mit der Menge hier zu vergleichen.

Du hast mit deinen Kollegen jetzt eineinhalb Jahre sehr intensiv zusammengearbeitet. Dabei haben sich bestimmt einige Freundschaften gebildet. Ist es in eurem Beruf schwierig diese aufrecht zu erhalten?
Wenn man will, dann geht das. Es ist ein bisschen wie nach der Schulzeit, wenn jeder seinen eigenen Weg geht. Erfahrungsgemäß trifft man in unserem Job sehr viele Kollegen wieder, sei es bei Auditions oder in irgendwelchen Produktionen. Ich arbeite ja jetzt auch mit ehemaligen Kollegen von TANZ DER VAMPIRE, WAKE UP oder anderen Produktionen. Aber dieser intensive Umgang, die Leute täglich zu sehen, der wird mir mit manchen Menschen natürlich fehlen.

Du bist in Österreich inzwischen eine bekannte und beliebte Musicaldarstellerin. Wie gehst du mit deinem Bekanntheitsgrad um und wirst du außerhalb der Theaterumgebung öfters erkannt und angesprochen?
Ich werde eigentlich kaum erkannt. Einmal wurde ich in einem Schuhgeschäft angesprochen. Ich glaube, da gibt es ein paar „beliebtere Opfer“, die man durch die Medien noch eher kennt. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit angesprochen zu werden, es kommt natürlich immer darauf an wo du bist. Im Dampfbad muss es nicht unbedingt sein. An sich hat sich mein Leben, was das betrifft, gar nicht verändert.

Lukas Perman (Romeo), Marjan Shaki (Julia)
Lukas Perman (Romeo), Marjan Shaki (Julia)

Welchen Aspekt deiner Popularität schätzt du am meisten, welchen am wenigsten?
Am meisten schätze ich, dass ich die Chance bekommen habe hier am RAIMUND THEATER zu spielen, weil ich glaube ich hätte die Rolle nicht bekommen, wenn ich nicht auch durch WAKE UP einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hätte. Was ich überhaupt nicht mag ist diese Herumwühlerei im Privatleben. Es gibt Leute, die gerne in der Öffentlichkeit darüber sprechen, ich gehöre aber nicht dazu. Und das wird oft partout ignoriert.

Was waren deine schönsten Erlebnisse in deiner Zeit als „Julia“?
Die Probenzeit war wirklich besonders. Ich hab noch nie erlebt, dass sich ein Regisseur im Musicalbereich so intensiv mit allen beschäftigt. Es gibt auch zwischendurch immer wieder schöne Momente, die vergisst man nur leider immer wieder. Schön war die Zeit nach der Sommerpause, da ist man wieder mit so einem Elan an die Arbeit gegangen.

Was sind deine Pläne für die Zeit nach ROMEO & JULIA?
Urlaub. Ich plane eine zweimonatige Rucksackreise durch Mexiko. Und danach möchte ich gerne eine Zeit nach Spanien gehen. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und möchte das jetzt auch nützen. Vielleicht auch beruflich. Es ist jetzt nicht so, dass ich Österreich und Deutschland den Rücken zukehren möchte, aber ich sehe das als Herausforderung, vielleicht etwas anzufangen, wo mich noch niemand kennt.

Nachdem du so viele Hauptrollen gespielt hast, käme es für dich in Frage auch mal wieder im Ensemble zu spielen?
Ja absolut. Es kommt immer darauf an, was es ist. 2. Besetzung Sarah oder Julia wäre jetzt schon komisch. Aber es gibt Rollen da würde ich das sicher machen, wobei es mir schon sehr wichtig ist, dass im Ensemble etwas passiert, man gefordert wird, wobei das selbstverständlich sehr subjektiv ist. Bei TANZ DER VAMPIRE hat die Arbeit im Ensemble wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Würde es dich auch mal reizen auf einer kleineren Bühne Theater zu spielen?
Das wäre mein Traum. Theater, Schauspiel, also etwas in einem ganz puren, vielleicht kleineren Rahmen, wo ich durch unglaublich aufwändige, tolle Kostüme, große Lichttechnik und Musik nicht so „gesattelt“ bin. Gesang war bis jetzt bei mir ein Schwerpunkt, da fühle ich mich auf eine Art auf einer relativ sicheren Seite, aber wie schon erwähnt, möchte ich auch etwas Neues ausprobieren, ein Risiko eingehen.

Siehst du dich selbst in Zukunft weiterhin im Rampenlicht stehen, oder könntest du dir vorstellen irgendwann noch eine andere Ausbildung zu machen und somit einen ganz neuen Weg einzuschlagen?
Vor ein paar Jahren hätte ich wohl nein gesagt. Aber inzwischen gibt es so viele Sachen, die mich interessieren. Ich informiere mich auch über Fernstudien im Internet. Ich könnte mir vorstellen, irgendwann mit kleinen Kindern zu arbeiten, auf eine spielerische Art und Weise Musical zu unterrichten. Komplett weg von der Bühne will ich noch nicht. Ich brauche immer Pausen, damit ich es wieder vermisse, eine Leidenschaft zurück gewinne, die natürlich bei einem tagtäglichen Wiederholen eines Stückes hinter der Häuserercke verloren gehen kann. Man unterschätzt das Metier Musical. Weil es immer wieder als oberflächliche Unterhaltung abgestuft wird und sich stets aufs Neue beweisen muss. Jeden Tag, über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren die gleiche Show zu spielen und sie dennoch so aussehen zu lassen, als wär´s die erste – das ist wirklich harte Arbeit. Dennoch liebe ich diesen Beruf und die Bühne zu sehr, um ernsthaft damit aufzuhören. Also heißt es jetzt Akkus aufladen.

TANZ DER VAMPIRE, WAKE UP, EVITA, ROMEO & JULIA - wenn du eine Bilanz deiner bisherigen Rollen ziehen müsstest, welches Engagement war für deine künstlerische Entwicklung am prägendsten?
Auf jeden Fall ROMEO & JULIA. Aber jede einzelne Produktion auf ihre Art und Weise. TANZ, weil es mein erstes Stück war. WAKE UP, weil es meine erste Welturaufführung und Erstbesetzung war. EVITA, weil ich in dieser Riesenshow nur ein kleines Lied hatte. Aber ROMEO & JULIA war mit Abstand das härteste, aber auch schönste Erlebnis für mich. Die Show hat mir viel Kraft gegeben, weil ich gesehen habe, es geht immer ein Stück weiter. Es hat mich abgehärtet, sowohl beruflich als auch privat. Aber auf eine sehr positive Art.

Abschließend: Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Das ist schwierig zu beantworten weil ich nicht einmal wirklich sagen kann, wo ich mich in zwei Monaten sehe. Aber ich hoffe, dass ich wirklich glücklich und gesund bin und sowohl privat als auch beruflich so schöne Sachen erlebt habe wie bisher und positiv in die Zukunft blicken kann.

Danke für das Gespräch.

Das Interview führten MC-Mitglieder Viktoria K. und Constanze H., erschienen in den Musicalclub News Nr. 22, Frühjahr 2006.