Mercutio und Tybalt an einem Tisch

Mark Seibert und Rasmus Borkowski im MUSICALCLUB-Gespräch

Die Capulets
Die Capulets
Copyright: VBW / A. Chr. Wulz

Hallo Rasmus, Du warst jetzt lange nicht auf der Bühne, weil du dich verletzt hast. Wie geht es dir heute und was genau ist passiert?
Rasmus Borkowski: Mir geht’s wunderbar. Ich bin jetzt seit Donnerstag letzter Woche (Anm: 29.9.) wieder auf der Bühne in der Rolle des Mercutios. Ich hatte eine knappe Woche vor der Sommerpause einen Sturz auf der Bühne und habe mir dabei ein Band im rechten Sprunggelenk eingerissen. Jetzt habe ich aber keine Probleme mehr.

Hallo Mark, es freut mich dass Du Dir Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten, die Deine Fans sicher interessieren. Du hast schon oft gesagt, Wien ist Deine Wahlheimat geworden. Was hat Dich eigentlich hierher geführt und was begeistert Dich an Wien?
Mark Seibert: Hergeführt hat mich die Liebe. Was mir hier besonders gefällt? Ich komme aus dem kulturfaulen Frankfurt. Der Hauptreiz an Wien ist für mich dadurch der Stellenwert der Kultur. Als Musicaldarsteller bist du hier ins gesellschaftliche Leben eingebunden. Und es gibt viele Theater hier, von Kommerz bis Kleinkunst. Nur ein bisschen grüner könnte es sein.

Und wie gefällt dir die Stadt Rasmus, hast du Lieblingsplätze gefunden?
Rasmus: Ich bin im Winter nach Wien gekommen und es ist es immer schwer eine Stadt zu mögen in der man sich nicht auskennt und die man nur morgens und abends im widrigsten, nassen Zustand kennen lernt. Aber mittlerweile fühle ich mich hier sehr wohl. Für mich war es auch wichtig den Wiener Schmäh so ein bisschen kennen zu lernen. Und Lieblingsplätze gibt es viele. Was ich einfach toll finde an dieser Stadt ist, das ist ..
Mark: ...das Raimundtheater.
Rasmus ...Das ist einfach, dass es eine Stadt ist, durch die man bei schönem Wetter einfach durchgehen kann und gucken kann. Es gibt hier soviel zum Anschauen. Aber im ganz Speziellen, ganz klassisch ist das Schloss Schönbrunn. Also da war ich oft auch grad während der Probenarbeit

Drinnen auch oder nur draußen im Schlosspark?
Rasmus: Drinnen war ich noch nie, ich kenn nur den Park und den Irrgarten! Das war für mich ein Erlebnis, da ich immer als Kind schon in so einen Irrgarten wollte, es aber nie dazu kam. So war ich das erste Mal in Schönbrunn, hab mich gefreut wie ein Kind, dass da so ein Irrgarten aus Hecken war und da bin ich öfter mal.

Im Augenblick feiert ihr große Erfolge in ROMEO & JULIA Gibt es schon Pläne für die „Zeit danach“.
Mark:Für Rebecca beginnen gerade erst die ersten Auditions, aber für mich ist natürlich der gesamte deutschsprachige Raum interessant. Auch wenn es derzeit nichts Konkretes für die Zeit nach ROMEO & JULIA gibt, habe ich keine Angst. Es ist zwar derzeit noch nichts in Aussicht, aber mit dieser Situation muss jeder Musicaldarsteller immer wieder leben.

Rasmus, du hast einmal gesagt, du wolltest eine Pause nach SCHALKE 04 machen. Machst du jetzt eine Pause nach ROMEO & JULIA?
Rasmus:Das klingt sehr groß, eine Pause machen. Ich fange grad erst mit dem Theaterspielen an. Es war einfach nur so, dass dieses Schalke-Musical für mich die erste Hauptrolle in einer kommerziellen Produktion war. Danach habe ich einfach gemerkt, dass ich so ein bisschen Distanz wollte zu dem Musical an sich. Ich habe mich entschieden mir erst einmal andere Jobs zu suchen und so ein bisschen in einer Kneipe gearbeitet. Es war mehr so, dass ich wieder ein Leben haben wollte außerhalb des Theaters. Ich bin jetzt bei ROMEO & JULIA, darüber bin ich sehr froh und eine Pause steht nicht bevor. Mark sagt immer, dass gezwungener Weise immer Pausen entstehen können …
Mark:Die ja auch wiederum ganz gut sind.

Der blinde Engel in BARBARELLA hat so gar nichts mit dem eher brutalen Macho Tybalt in ROMEO & JULIA gemeinsam. Wie würdest Du Dich selbst beschreiben, wenn Du nicht auf der Bühne stehst?
Mark:Elemente von beiden Rollen habe ich im Privatleben sicher auch. An sich müsste man diese Frage an einen Außenstehenden stellen, der das sicher besser beurteilen könnte. Ich glaube ich bin weder der Engel noch der Macho, ich würde eher sagen, mein Typ liegt irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Charakteren. Ich habe sicher engelhafte Seiten, ein reiner Engel bin ich aber wirklich nicht.

Rasmus, du spielst die Rolle des Mercutios – bist aber auch Cover für Romeo und hast schon zweimal den Romeo gespielt. Wie ist das für dich, freust du dich wenn du siehst, wie begeistert deine Fans sind wenn du als Romeo auf der Bühne stehst? Ist es nicht auch relativ schwierig, wenn man eine Rolle nur selten spielt und sich immer wieder neu darauf vorbereiten muss. Kannst du dich da an Hoppalas erinnern, die dir während des Auftrittes passiert sind?
Rasmus:Als Cover einer Rolle hat man natürlich immer irgendwie eine Art von Pluspunkt. Wenn ich den Romeo spiele, dann spiel´ ich ihn genauso konzentriert wie den Mercutio. Nach der langen Pause wird das aber definitiv einige Tage Arbeit sein. Ich denke einfach, dass man sich in so einer Situation, wenn man eine Rolle auch noch covert, neben der eigenen Rolle, sich ein bisschen mehr auf seine Instinkte verlassen muss. Dementsprechend ist natürlich auch die Gefahr da, für diese Hoppalas. Aber das sehe ich nicht als Problem. Das ist eine Sache die bügelt man Stück für Stück aus. Das heißt, dass ich immer mal, wenn ich mal nicht spiele mir die Show und den Lukas anschaue, was der gemacht hat. Ob er Sachen geändert hat, die möglicherweise so richtig sind oder die ich für gut halte.

Matthias Edenborn (Benvolio), Rasmus Borkowski (Mercutio), Lukas Perman (Romeo)
Matthias Edenborn (Benvolio), Rasmus Borkowski (Mercutio), Lukas Perman (Romeo)
Copyright: VBW / A. Chr. Wulz

Und gab´s bei dir Hoppalas, Mark?
Mark:Ich hatte bei ROMEO & JULIA bisher eigentlich keine größeren Probleme. Natürlich gibt es Kleinigkeiten. So bin ich einmal beim Duell voll gestürzt, das war nicht gerade cool. Ein andermal bin ich am Ende der Ball-Szene rückwärts abgerannt, eine Treppe war nicht eingefahren worden und ich bin drüber gefallen. Heute kann ich darüber lachen, damals war ich ganz schön sauer.

Bei dieser Produktion fallen verletzungsbedingt und krankheitshalber ständig sehr viele Darsteller aus. Wie ist es für euch, sich kurzfristig auf andere Partner einzustellen?
Rasmus:Unterschiedlich, ich denke es geht mit jedem, der an dieser Produktion ist, da man eigentlich das komplette Stück kennt. Also mittlerweile kennt, glaub ich, fast jeder die kompletten Texte und vor allem die Rollen. Man probt ja auch mit den jeweiligen Partnern und kennt eigentlich jeden. Ich finde es sehr interessant, weil es immer wieder Kleinigkeiten gibt, die natürlich - zum Glück - jeder anders macht. Und dadurch denke ich, dass Frische auf der Bühne vorhanden bleibt und es das Spielen interessanter macht.

ROMEO & JULIA war schon in Frankreich ein großer Erfolg. Mark, hast Du Dir vor der Premiere in Wien auch einmal angesehen, wie der Darsteller des Tybalt in Paris seine Rolle angelegt hat?
Mark:Die DVD von der französischen Aufführung hat jeder von uns gesehen. Der Tybalt ist aber eine eher einfach strukturierte Rolle. Er hat sein Leben lang nur eingesteckt, ist extrem gewalttätig, liebt seine Cousine, was auch nicht gerade Erfolg versprechend ist und dreht durch. Tybalts gibt es überall, die Menschen haben Probleme, Komplexe in sich und drehen dann durch.

Ihr beide hattet einen Auftritt am Donauinselfest. Rasmus, du hattest auch einen am Naschmarktfest. Ist es anders wenn man am Abend im Theater auf der Bühne steht, oder auf einer Freilichtbühne wo Unmengen von Leuten da sind. Ist da das Gefühl ein anderes?
Rasmus:Also für mich war das Donauinselfest auf jeden Fall eine sehr besondere Erfahrung, weil ich so im ganzen Konzertbereich wenig gemacht habe und die Menschenmenge war gigantisch. Der größte Unterschied ist der, dass man abends im Theater eine Rolle spielt und diese Rolle schützt einen. Man spielt die Rolle und wenn man von der Bühne abgeht, gibt man sie ab! Das hab ich bei so einem Konzert nicht! Da geht es natürlich auch darum, die Leute mit seiner eigenen Art zu unterhalten. Ich denke, das ist der gravierende Unterschied, der das Erlebnis aber auch intensiver macht.
MarkDas Schöne bei solchen Konzerten ist, dass man in keiner Korsage steckt, wie auf der Bühne. Man ist sehr frei, hat die Möglichkeit einer sehr guten Abwechslung zur Bühne, in der alles natürlich sehr reglementiert ist. Ich kann für mich entscheiden wie ich mich bewege oder ob ich - wie Mate das gerne macht - das Publikum singen lasse und solche Dinge.

Auf deiner Homepage habe ich nachgelesen, dass du schon als Tontechniker, Techniker, Requisiteur, Regiehospitant und Souffleur gearbeitet hast. Könntest du dir auch vorstellen, selbst ein Musical zu schreiben? Sind deine Berufswünsche in der Kindheit auch schon immer in Richtung Theater gegangen?
Rasmus:Also der Berufswunsch in Richtung Schauspiel kam bei mir mit 14, als ich das erste Mal in einem professionellen Rahmen Theater gespielt habe. Am Stadttheater in Lübeck konnte ich dann neben der Schule abends jobben, das war die einzige Möglichkeit irgendwie mit Theater im Kontakt zu bleiben und soviel wie möglich mit Theaterleuten zu tun zu haben. Selbst schreibe ich recht viel, seit einigen Jahren auch an einem Musical. Also im Moment liebe ich das Musical absolut und deswegen ist es das, was ich im Moment machen möchte. Es reizt mich aber auch in einem Sprechtheater zu spielen. Genauso wie natürlich auch im Film- und Fernsehbereich. Aber ich denke immer, dass man da einfach abwarten sollte - es kommt was kommen soll. Wenn dann die Möglichkeit da ist, einfach zugreifen und arbeiten.

Mark, du warst einmal Turniertänzer. Bringt Dir das einen Vorteil bei Musicalrollen?
Mark:Ich denke schon, es gibt sehr viele Parallelen. Es ist beim Turniertanz wie auf der Bühne ein Verkaufen, eine Präsentation. Beides ist darstellende Kunst, auch das Turniertanzen meiner Meinung nach nur in zweiter Linie Sport.

In Deutschland und New York ist die Stimmung, das Flair in Musicals ein ganz anderes. Wie seht ihr das als Darsteller? Ist das Publikum auch anders, ist die Arbeit anders?
Rasmus:Für mich ist es schwer zu sagen. Ich habe dafür zu wenig gemacht, um das Publikum zu beurteilen. In Wien ist natürlich auffällig, dass die Fanlobby eine viel, viel größere ist als in Deutschland. Ich denke, dass in Wien einfach das Musical einen höheren künstlerischen Stellenwert hat. Es ist einfach ein Unterschied, ob ich in einem schönen alten Theater auf der Bühne stehe oder in einem Haus, das für ein Musical der heutigen Zeit gebaut wurde.
Mark:Was ich auch beobachte ist, dass hier der Stellenwert des Musicals und der Darstellers ein ganz anderer ist. Solche Fangemeinschaften wie in Wien sind wohl in Deutschland kaum machbar. Bei den Ticketpreisen kann sich wohl kein Fan leisten, mehrmals in der Woche ins Theater zu gehen. Die Stimmung in Wien genießen wir als Schauspieler schon sehr.

Mark, Ich habe den Eindruck, viele Deiner weiblichen Fans würden Dich nach einer Vorstellung am liebsten gleich mitnehmen. Welche Wünsche hast eigentlich Du an Deine Fans?
Mark:Ich habe keine Probleme mit den Fans, solange sie mein Privatleben tolerieren und akzeptieren. Ich habe bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht, die Fans können so bleiben wie sie sind. Es ist nur schade, dass manche oft sehr schüchtern sind, sie trauen sich zum Beispiel nicht, nach Autogrammen zu fragen.

Ensembleszene Montagues mit Matthias Edenborn (Benvolio), Lukas Perman (Romeo), Rasmus Borkowski (Mercutio)
Ensembleszene Montagues mit Matthias Edenborn (Benvolio), Lukas Perman (Romeo), Rasmus Borkowski (Mercutio)
Copyright: VBW / A. Chr. Wulz

Ihr vermittelt für mich auf der Bühne besonders beim Schlusslied, dass ihr euch alle unheimlich toll untereinander versteht. Ihr spielt aber zwei verfeindete Familien - kann man da einfach so abschalten nach der Show?
Rasmus:Das ist der Job. Also ich hab genauso wie Mark die Situation, dass wir eine halbe Stunde Zeit haben abzuschalten. Wir sterben in der mittleren ersten Hälfte des zweiten Aktes. Wobei ich denke, dass gerade die beiden Rollen die Zeit auch brauchen. Für mich persönlich wäre es schwer, wenn ich drei Minuten nach meinem Tod als Mercutio in die Applausordnung müsste. Mit der Applausordnung unterhalten wir das Publikum. Man möchte das Publikum nach Hause schicken - mit diesem Lied, mit dieser schönen Musik, mit diesem Fest und das gehört genauso zum Job dazu, die Applausordnung wie die Rolle an sich.
Mark:Gerade wenn man auf der Bühne Aggressionen darstellen soll, muss man sich privat gut verstehen, sonst vermischt man Privates mit Beruflichem und wird unprofessionell. Im Ensemble verstehen sich alle gut, wir haben auch viel Spaß miteinander. Ich sage halt immer: Theater ist eben nur Ketchup.
Rasmus:Wir sind ja auch alles erwachsene Menschen, also natürlich spielt man Rollen und steigert sich da auch extrem rein, gerade bei dieser Produktion, aber Theater ist wie er sagt Ketchup.
Mark: Interessanter ist es noch bei den Proben. Wir wollen uns zum Beispiel gerade umbringen, da sagt der Regisseur „wir machen Pause“. Dann können wir uns auch nicht weiter umbringen wollen.
Rasmus: Absolut - das geht ja nicht, man darf ja nicht vergessen wir spielen Ensuite-Musical, wenn ein Schauspieler einmal die Woche auf der Bühne stirbt, ist das definitiv was anderes, als wenn ich sechsmal auf der Bühne sterbe. Deswegen haben wir auch die Probenarbeit. Es gibt und es gab Situationen in der Probenzeit, wo es definitiv belastend war, wenn man so eine Szene probt. Deshalb probiert man es aus bis man weiß wie es funktioniert. Die Grundlinie des Theaters ist es immer: das Publikum muss weinen, nicht ich als Darsteller! Ich hab immer wieder Shows, wo es dann doch eskaliert, wo man doch überwältigt wird von dem was auf der Bühne passiert, aber eigentlich findet man da immer Wege durch.
Mark:Wir werden oft gefragt, ob das Sterben auf der Bühne uns nicht belastet. Im Gegenteil, den Tod auf der Bühne zu spielen kann großen Spaß machen. Es ist zum Beispiel ein richtiges Erfolgserlebnis, wenn ich merke, die Leute glauben es mir, ich bringe die da unten zum Weinen.

ROMEO & JULIA gilt als schönste Liebesgeschichte aller Zeiten. Gibt es eine Szene im Musical, die Dir ganz besonders gefällt oder die Dich besonders berührt?
Für mich ist das Duell eine der besten Szenen, der absolute Höhepunkt. Das Lied finde ich sehr gut und mir macht es tierisch Spaß, diese Szene zu spielen.

Ist das dann auch deine Lieblingsszene, die Todesszene?
Rasmus:Es ist immer anstrengende Arbeit, aber man hat auch ein Entspannungsmoment wenn man auf einer Bühne stirbt
Mark:Der Lukas ist so entspannt, dass er nach seinem Tod manchmal auf der Bühne einschläft.

Würdest Du gerne einmal auch eine andere Rolle in ROMEO & JULIA spielen?
Mark:Gerne würde ich es mal mit Lukas tauschen, er hat ganz andere, lyrische Lieder mit langen Bögen. Ich will aber realistisch bleiben, Lukas ist sicher der bessere Romeo. Die Show ist sehr gut gecastet. Es wäre als Versuch vielleicht ganz lustig, einmal extra Show zu machen, wo alle Rollen vertauscht sind.
Rasmus:so eine Art Rotationssystem – Mathias als Amme

Das Interview führten MC-Mitglieder Sabine B. und Petra T., erschienen in den Musicalclub News Nr. 20, Herbst 2005.